MERIAN Brasilien
Artikelnr.: 300001305
Liebe Leser,
das Klischee von der Traumlandschaft ist schnell zur Hand und verbraucht sich in der Wiederholung. Aber wer einmal auf dem Corcovado unter der Christus-Statue stand und auf Rios Buchten mit dem Zuckerhut blickte, was soll der sagen? Hat was, abgehakt?
Ein Jahr später war ich wieder da und habe am Strand von Rio die Jahrtausendwende gefeiert zwischen begeisterten Cariocas, der Tradition nach in Weiß, die Lilien in die Brandung warfen. Die Favelas weit weg, die opulenten Apartments der Reichen an der Copacabana nah, am Strand der scheinbare Schmelztiegel der Hautfarben. Der Rassismus ist höflich, sagen die Brasilianer.
Wochenlang waren Autoren und Fotografen unterwegs, anders ist Brasilien, größer als Europa ohne Russland, nicht zu erfassen. Bruchstücke also, die sich zu einem Bild formen sollen. Das afrikanische Bahia, Rio, die schlafende Schönheit, die Hauptstadt Brasília, aus vollem Herzen ins Nichts geworfen. Ein blondes, blauäugiges Brasilien im Süden. Das Kindermädchen aus Porto Alegre spricht einen alten Dialekt aus dem Hunsrück. In Amazonien springt Meire, Samabakönigin in Manaus, unbekümmert ins schwarze, tümpelige Wasser des Rio Negro. Sorglosigkeit wird begleitet von ihrer negativen Variante, alles zu dulden, soziale Ungerechtigkeit, Armut, die Gutsherrenart der Grundbesitzer.
Brasilien ist sich selbst genug. Schöne Frauen, viel Platz, São Paulo, Motor des Landes und die nach Mexico City und Tokio drittgrößte Stadt der Welt, der größte Urwald und mit dem Amazonas der längste Fluss Südamerikas. Der gehobene Daumen ist nationales Symbol: tudo bem, alles gut. Lieber fröhlich sein als jammern. Alles ist gut.
Herzlich,
Ihr Wolf Thieme, MERIAN-Chefredakteur
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